Schlusshock 2017

 

Samstag, 11.11. Hudelwetter! In Böju ist es friedlich und ruhig. Nichts los hier, trotz Fastnachtsanfang. Aargau halt.

 

Nur ein paar sportlich aussehende Frauen und Männer (es könnten Turner sein) lungern auf dem Schulhausplatz herum, meist auf ihr Smartphone fixiert. Die Kirchenuhr schlägt fünf. Es wird dunkel, ist neblig und kalt. In der Ferne ertönt das schauerliche "Hu-huu" eines einsamen Waldkäuzchens leider nicht, obwohl es wunderbar in die Szenerie gepasst hätte. Dafür aber das Piepsen mehrerer Handys - alle fast gleichzeitig, was die Gruppe unvermittelt in Bewegung versetzt. Sie fallen handstreichartig über den Briefkasten des Schulhauses her, marschieren danach zielstrebig Richtung Löwenplatz und kehren jäh wieder um, kramen, erneut auf dem Schulhausplatz, einen Umschlag aus einem Versteck hervor, um sich schliesslich heftig diskutierend zum Bahnhof zu verschieben. Zeugenaussagen zufolge wurde an dem Abend die Kioskfrau mit einem amateurhaft zusammengestrickten Gedicht massiv genervt, und zur Herausgabe von Eisenbahntickets gezwungen, womit die Gruppe den Zug in Richtung Luzern besteigt und die Flucht ins kantonale Ausland antritt. Derweil die ganze Handlung aus einem auf der anderen Strassenseite abgestellten Auto genauestens beobachtet wird. Seltsam.

 

Der ganze Trupp wird später in Ermensee gesichtet. Sie machen sich gerade über einen Streugutkontainer her. Einer ärgert sich noch lautstark, dass dort kein Bier drin ist, während die anderen damit beginnen, irgendwelche Zettelchen mit Sprüchen zu sortieren, die sie dort gefunden haben. Dann wird mit Google (weiblich, attraktiv, digital) telefoniert, wonach sich die Gestalten über einen schmutzigen Feldweg in die nasse, neblige Dunkelheit in Richtung Altwis aus dem feuchtklebrigen Staub machen. Über die baulichen Eigenschaften von Spielwürfeln diskutierend fallen sie wenig später über die Wein- und Mostvorräte eines Altwiser Bauern her, währenddessen sie irgendwelche Säckchen mit Weihnachtsgebäck wägen - immer drei gleichzeitig je in beide Waagschalen legend. Sehr seltsam. Die höchst bizarre Prozession zieht dann weiter Richtung Gasthof Rössli, wo sie dem Wirt mit einem halblustigen Witz den Abend versauen, um danach bergan zu einem kleinen Eventlokal zu wandern. Die Wegbeschreibung dorthin finden sie - so wird vermutet - auf einer dubiosen Internetseite.

 

Die angepeilte Räumlichkeit war bereits zuvor von einer gewissen Manuela Hintermann, Kopf der ganzen Bande, gemietet und von ihr und der einschlägig bekannten Starköchin Gabriela Lüthi zusammen mit einem nicht übermassig begabten Handlanger festlich dekoriert worden. Lüthi setzt sich nun erneut in Szene, indem sie der eintreffenden Rotte ein bombastisches Gala-Diner bereitet. Ein Festmahl, von welchem, obwohl zur Hauptsache aus geschmolzenem Käse und Kartoffeln bestehend, noch gut zwei Monate später an der Generalversammlung mit grosser Hochachtung berichtet wird. Bereits vor dem Essen waren weitere Personen zur Meute gestossen, so dass diese inzwischen auf 18 Individuen angewachsen ist. Und diese werden nun von einem leicht wollig aussehenden mit Handörgeli bewaff­neten Möchtegern-Rocker namens FEJK (man schreibt das, wie man es ausspricht) heimgesucht. Dieser kann zwar weder singen noch musizieren, fühlt sich aber trotzdem befähigt, in der Manier eines talentarmen Minnesängers irgendwelche Reime vorzutragen, die er mit Bildern illustriert. Er ist eingebildet genug, seine Tiraden über den Löwen Böju, die Postschliessung, die Bachelorette, Christian Constantin, Ursus Merz, den Brexit und das Brügglifeld als "Schnitzelbänke" zu bezeichnen.

 

Nachdem dieser parakulturelle Angriff überstanden ist, werden die geschundenen Seelen mit einem üppigen Dessert wieder aufgerichtet. Ausser vielen konspirativ anmutenden Gesprächen und wenig tiefgründigen Diskussionen passiert danach nicht mehr viel Aufregendes. Obwohl sich die Sippschaft ja nun im Kanton Luzern befindet und immer noch Fastnachtsanfang wäre, bleibt es friedlich und ruhig. Aargauer halt.

 

Lothar Eichenberger

 

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